Angedacht

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? (Matthäus 16,26)

Jesus hat diese Frage gestellt. Auch wenn sie in der Übersetzung Luthers altertümlich klingt, ahnt man, worum es geht. Noch klarer wird das in einer modernen Übersetzung: Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber sein Leben dabei verliert?

„Stimmt“, werden manche denken: „Was nützt es einem?“ Antwort: Nichts. Und doch leben wir, jeder auf seine Weise, so. Wir wollen die Welt gewinnen. Dabei geht es nicht bloß um Erfolg, Karriere und Geld. Damit ist genauso gemeint, dass wir in einem atemberaubenden Tempo versuchen rauszuholen, was rauszuholen ist – weil wir das Leben in den Griff kriegen und auskosten wollen. Selbst in der Freizeit haben wir oft genug kaum Zeit, sind verplant, halten alles für machbar, zerstreuen uns mit Nebensächlichkeiten – und nehmen Schaden an unserer Seele.

Manchmal merken wir das. Eine Physiotherapeutin schreibt: „Die Seele kann krank werden, genau wie unser Körper. Wenn wir uns körperlich verletzen, leidet die Seele mit. – Aber das Ganze funktioniert auch anders herum. Wenn die Seele verletzt ist, leidet der Körper. Wir haben vor etwas Angst oder wurden tief enttäuscht, schon kehren die alten Rückenschmerzen wieder, wir haben keinen Appetit oder uns ist schwindelig. Die Seele ist ein wichtiger Teil von uns, der genauso gepflegt werden muss wie unser Körper.“

Zugegeben: „Seele“ ist ein schwer fassbares Wort. Am ehesten fällt uns dazu vielleicht ein: „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“ oder wir bezeichnen jemanden als „Seele des Hauses“ oder auch „Notfallseelsorge“.

Nach biblischer Überlieferung (1. Mose 2,7) ist sie der „Atem des Lebens“, den Gott uns einhaucht und der uns erst zu lebendigen Wesen macht – also meine Verbindung zu ihm. Die Seele ist der Wesenskern eines Menschen, den nur er selbst und Gott kennen; so etwas wie Gottes Wohnung im Menschen.

Was könnte helfen, keinen Schaden an der Seele zu nehmen? Diese Wohnung nicht zuschließen, sondern betreten. Etwa im Gebet. Das haben Menschen immer schon getan. „Meine Seele dürstet nach Gott. Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott“, betet jemand in Psalm 42.

Ja, ich glaube: Die Seele bleibt heil in der Ausrichtung auf Gott. Und auch diese Erfahrung spiegelt sich in den Psalmen – wenn es heißt: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft“ (Psalm 62,2) oder „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“ (Psalm 103,2) oder „Du gibst meiner Seele große Kraft“ (Psalm 138,3).

Ihr Pfarrer Christoph Felten